Hilfe und Heilung auf geistigem Wege 
durch die Lehre Bruno Grönings

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Zeitungsartikel 

„Mir bleibt der Verstand stehen!“

Bruno Gröning heilt Lahme, Blinde, Stumme ...


Eines der größten Phänomene unseres Jahrhunderts! – das ist die übereinstimmende Meinung vieler Sachverständiger zu dem „Fall Gröning“. Bruno Gröning, ein gebürtiger Danziger, macht seit etwa zwei Monaten durch wundersame Heilungen von sich reden. Ein Berichterstatter der „Süddeutschen Sonntagspost“ hatte Gelegenheit, sich einen Tag und zwei Nächte lang ununterbrochen in und vor dem Haus des „Wunderdoktors“ in Herford aufzuhalten und diesen bei seiner Tätigkeit zu beobachten.


Schwerer Regen peitscht über die stillen Straßen des idyllischen Westfalen- Städtchens Herford, als ich an einem Freitagabend um 20 Uhr dort ankomme. Voller Zweifel gehe ich auf das Haus Wilhelmsplatz 7 zu, in dem seit Ostern jener Bruno Gröning zu Gast ist, von dem man sich, und zwar nicht nur in Deutschland, merkwürdige Dinge erzählt. 300 bis 400 Menschen umlagern die weiße Villa, kauern sich an die Hauswand, suchen Schutz in der kleinen Gartenlaube im Hinterhof oder unter den dichten Kastanienbäumen gegenüber der Villa vor der Wohnung des Arztes Dr. Siebeke. Die anbrechende Nacht breitet ihren Schatten auf schmerzgezeichnete Gesichter, auf Lahme, die in Krankenwagen herangefahren werden, auf Krüppel, die auf Stöcken hergehumpelt sind, auf Blinde, die sich gegen den Eingang vortasten, und auf Taubstumme, die sich lebhaft gestikulierend miteinander verständigen.

Viele lagern hier schon seit Mittwochabend, als Gröning nach Bonn mit dem Bescheid wegfuhr, er käme bis spätestens Samstag früh zurück.

„Ich warte gerne, denn ich glaube fest, dass Gröning uns helfen wird“, sagt Erich Hoffmann, der zu Fuß aus Nürnberg gekommen ist, um für seine Schwiegermutter, die seit Jahren an Verfolgungswahn leidet, beim „Wunderdoktor“ zu bitten.

„Die Ärzte geben mir keine Hoffnung mehr, nur Herr Gröning kann mich wieder gesund machen“, meint Anton Fischhaber aus Bad Tölz, der vor 15 Jahren nach einem Autounfall an Beinen und Armen gelähmt worden ist.

21.30 Uhr: Aus Köln kommt ein Lastwagen mit 16 Personen, darunter – auf Stroh gebettet – drei Schwerkranke. Gleich darauf fährt ein amerikanischer Buick vor. Ein eleganter Herr steigt aus und fragt nach Gröning. „Damned“, knurrt er, als er hört, dass dieser verreist ist und fährt wieder ab.

22.10 Uhr: Vor dem Wandbrett, an dem die Anordnung der Stadtverwaltung ange- schlagen ist, dass Gröning bis auf weiteres jede Heiltätigkeit verboten ist, kommt es zu einem Tumult. „Ist das Demokratie?“ fragt ein Herr mit Zwicker empört. „Schlagt dem Bürgermeister die Fenster ein!“ Die Menge stimmt großenteils begeistert zu. Schon am Tage vorher hatte eine Abordnung von Kranken vor der Wohnung Bürgermeister Wörmanns protestiert. Der Bürgermeister hatte erklärt, dass das Verbot von einer Untersuchungskommission veranlasst worden war, die aus Vertretern der Ärzteschaft, der Stadtverwaltung und der Geistlichkeit bestand. Die Kommission hatte verfügt, dass Gröning bis spätestens am 28. Juni in beliebigen Krankenhäusern der britischen Zone seine Kunst unter Beweis stellen müsse. Von dieser Prüfung hänge die Aufhebung des Verbots ab.

3 Uhr morgens: Vom Hof her kommt die Kunde, dass sich ein Gelähmter plötzlich erhoben habe. Ich eile hin. Adalbert Schneider aus Derschlag, seit drei Jahren völlig beingelähmt, ist mit Unterstützung seiner jungen Frau aufgestanden und etwa 20 Meter gegangen.

„Schon vor einer Stunde fühlte ich ein Kribbeln in meinen Beinen“, erzählt er. 

„Seit den dreieinhalb Tagen, die ich jetzt hier sitze, konzentriere ich mich auf den Gedanken: Gröning wird mir helfen. Jetzt ist es soweit. Ich danke dem Herrgott!“


In dieser Nacht und am darauffolgenden Samstag notiere ich u. a. noch folgende Heilungen, alle in Abwesenheit Grönings: Cäsar Zilinski aus Lottinghof, dem durch Blutkreislaufstörung das linke Bein und der rechte Arm gelähmt gewesen sind, innerhalb von drei Minuten völlig geheilt. Regina Schmidt, 14 Jahre alt, aus Porz, seit 11 Jahren gelähmt, kann plötzlich den steifen Fuß wieder bewegen. Albine Strauß aus Minden, schwer zuckerkrank, nerven- und herzleidend, jahrelanger Sanatoriumsauf- enthalt, laut Klinikbefund unheilbar, kann wieder die Treppe steigen: „Ich fühle mich jetzt völlig wohl“. Willi Horstmann aus Schlangen, am linken Auge völlig erblindet, kann plötzlich wieder hell und dunkel unterscheiden, wenig später sieht er völlig normal.

6 Uhr morgens: Vor dem Hause haben sich inzwischen etwa 500 Menschen ange- sammelt. Ich werde in den Hausflur vorgelassen. Ein freundlicher älterer Herr kommt mir entgegen. Er sei „so eine Art Assistent von Herrn Gröning“, sagt er. Früher, als er noch in Schmiedeberg (Sudetenland) wohnte, sei er Besitzer einer der größten Fischkonservenfabriken Europas gewesen. Wie er denn dazu komme, hier Hilfs- dienst zu leisten, frage ich. Herr Steffan erzählt: „Meine Frau und mein Töchterchen waren schwer krank. Meine Frau litt seit 1919 an Neuralgie und Muskelrheuma. Mei- ne kleine Luitgard bekam alle paar Stunden schwere Krämpfe. Nur widerwillig kam ich mit den beiden aus Bad Salzuflen hierher. Wir standen im Hof ganz hinten in der Menge. Gröning kam ans Fenster. Da riss sich meine Kleine los und lief hin. Meine Frau bekam plötzlich geschwollene Hände. Als wir wieder zu Hause waren, waren beide völlig gesund. Es kamen keine Rückfälle mehr. Einige Tage später fuhr ich noch einmal nach Herford, um Herrn Gröning meinen Dank zu sagen. Als ich mit ihm sprach, fühlte ich plötzlich, dass ich selbst wieder völlig ruhig wurde, denn ich war bisher sehr nervös. Gröning sagte dann, auf meine Brille deutend: ,Nehmen Sie dieses Satansding weg; ich will zu den Augen!‘ Er sah mich eine Minute an. Seither sehe ich auch ohne Brille wieder tadellos. Ich habe mich daraufhin entschlossen, Herrn Gröning mit allen meinen Kräften zu helfen. Ich beruhige die Wartenden, erledige die Post und schreibe Protokolle.“

Gröning hat noch zwei Gehilfen: Kurt H., einen ehemaligen Redakteur der Bielefelder „Freien Presse“, der seinen Beruf aufgegeben hat, aus dem gebieterischen Drang heraus, Gröning zu helfen und Paul Raff aus Gelsenkirchen, einen aufgeweckten Burschen, dessen blinden Bruder Gröning vor vier Wochen völlig geheilt hat.

9 Uhr: Ein Telegramm kommt aus Bonn. Die westdeutschen Krankenkassen, die hier zu einer Tagung zusammengekommen sind, werden sich vorbehaltlos hinter Gröning stellen. Großer Jubel im „Hauptquartier“. Endlich eine Unterstützung von offizieller Seite!

10 Uhr: Eine junge Frau kommt mit ihrem dreijährigen Töchterchen herein. Die kleine Erika Fischer aus Minden zuckt alle Augenblicke nervös zusammen und stößt grelle Schreie aus. Ich zeige ihr ein Porträtbild von „Onkel Gröning“. Das Kind starrt das Bild an, reißt es an sein Gesichtchen, küsst und streichelt es. Ein echtes kindhaftes Jauchzen dringt ihm aus der Kehle. Die Augen haben ihren toten Ausdruck verloren. Ein glückseliger Schimmer liegt jetzt auf dem Gesicht des Mädchens.

Ein kleiner Junge kommt die Treppe heruntergesprungen. Die Leute klären mich auf: Das ist Dieter Hülsmann, der erste Kranke in Herford, den Gröning geheilt hat. Das war vor drei Monaten. Bis dahin konnte Dieter, an progressivem Muskelschwund er- krankt, weder stehen noch sitzen. Frau Hülsmann telegrafierte an Gröning, der da- mals noch in Dortmund völlig unbekannt lebte und nur ganz selten heilte. Als Dank für die wunderbare Heilung des Jungen nahm Familie Hülsmann den „Wunderdoktor“ in ihr Haus auf: Wilhelmplatz 7.

13 Uhr: Anruf aus Gütersloh, dass Gröning in zwei Stunden komme. Die Nachricht verbreitet sich unter den Wartenden wie ein Lauffeuer. – Aber nach zwei Stunden kommt er nicht.

17 Uhr: Ein Gerücht verbreitet sich, Gröning sei von der Polizei festgehalten worden. Man wolle ihn gewaltsam daran hindern, „seine“ Kranken zu behandeln.

Bürgermeister Wörmann versichert auf meine Anfrage, dass Gröning nichts gesche- hen würde, wenn er sich an die Gesetze und Verwaltungsanordnungen halte. Auf die Frage, was die Stadtverwaltung täte, wenn Gröning herkäme und doch heilte, erwi- dert Wörmann: „Wenn ich ihm die Übertretung des Verbots nachweisen kann, werde ich schärfste Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ergreifen.“

19.40 Uhr: Gröning trifft ein. Die Menschen drängen sich an ihn heran, versuchen, ihm die Hand zu drücken oder wenigstens seine Kleider zu berühren. Mit Mühe kommt er in den Flur. Ruhig und gelassen steht er da, ein schlanker, muskulöser Mann mit sehr markantem Profil und schwarzem welligen Haar. Er trägt eine schwarze Hose, ein schwarzes Hemd und eine helle Krawatte. Unwillkürlich erinnert er mich an den Schlagzeuger einer Jazzkapelle.

Er gibt jedem Einzelnen die Hand. Frau Hülsmann, die Hausherrin, erzählt ihm von einem draußen wartenden schwerkranken Mann, der ernstlich in Lebensgefahr ist. Gröning sagt: „Ich weiß. Ich habe alles schon angepeilt.“

Nach kurzer Zeit – Gröning hat sich indessen des Kranken angenommen – kommt Bürgermeister Wörmann. „Die Sache wächst mir über den Kopf“, bemerkt er zu mir. „Ich werde ihm heute ausnahmsweise erlauben, zu den Leuten zu sprechen.“

Aus dem benachbarten Ennigerloh kommt ein junger Arzt, Dr. M., mit drei Patienten. „Das ist für mich doch interessanter als ein ganzes Semester Psychologie und Medi- zin“, sagt er. Er ist natürlich skeptisch.

Als sich die Heilungsfälle im Hausflur mehren, ist er sprachlos. „Das ist nicht mehr allein Suggestion und Hypnose“, stößt er hervor. Auch der Bürgermeister konstatiert: „Mir bleibt der Verstand stehen.“

23 Uhr: Gröning tritt auf den Balkon. Die Menge, inzwischen auf 600 bis 700 Perso- nen angewachsen, hängt wie gebannt an seinem Gesicht. Gröning raucht mit Ruhe seine Zigarette zu Ende. Dann spricht er, sehr akzentuiert, aber ohne Pathos: „Meine lieben Heilungssuchenden! Euer Flehen und Bitten zum Herrgott war nicht umsonst. Der Stadtdirektor hat mir für heute ausnahmsweise die Erlaubnis gegeben, zu heilen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass diese Heilung nur denen zugute kommt, die den Glauben an unseren Herrgott in sich tragen oder bereit sind, den Glauben in sich aufzunehmen. Ich spreche Sie hiermit alle im Namen Gottes gesund. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass der eine oder andere noch leichte Schmerzen verspürt. Das sind die Regelungsschmerzen, die sehr bald verschwinden werden, wenn Sie weiter fest an die Heilung glauben. Ich weiß auch, dass in diesem Augenblick viele Menschen in anderen Gegenden gesund geworden sind. Wer für einen kranken An- gehörigen hier ist, kann getrost nach Hause gehen. Die Heilung geschieht auch ohne mein Beisein. Mein Wunsch geht darauf hinaus, allen Menschen zur Gesundung helfen zu können. Ich frage nicht nach der Religion. Ich frage nicht nach der Nation.“

Nach einer sekundenlangen Pause fährt er fort: „Ich frage Sie jetzt: Wer verspürt noch Schmerzen?“ – Etwa 20 Personen heben den Arm. Grönings Blick umkreist die Menge. Dann sagt er: „Jetzt frage ich Sie noch einmal: Wer hat jetzt noch Schmerzen?“ – Ein junger Mann hebt die Hand. Gröning: „Das ist nicht der eigentliche Schmerz!“ – „Nein.“ – „Seien Sie unbesorgt. Ich habe Sie angesprochen. Ihre Lei- densstelle ist schon von der Heilung befallen.“

Inzwischen geht ein Raunen durch die Menge und ein Recken und Strecken. „Tatsächlich – ich bin gesund! Dank sei Gott! Mein Bein wird langsam locker – ich sehe wieder“ und ähnliche Ausrufe höre ich herauf. Aber es sind nur ganz wenige, die sprechen. Das wundert mich.


Gröning spricht weiter: „Ich bitte Sie jetzt, nicht zu nörgeln, denn wer an seiner Hei- lung zweifelt, zweifelt am Herrgott. Den Dank für diese Heilung bitte ich nicht an mich zu richten. Der Dank gehört allein unserem Herrgott. Ich verlange von keinem ein Entgelt. Zu erwarten habe ich aber, dass Sie in Ihrem ganzen Leben zu Gott beten werden. Das Leben ohne Gott ist kein Leben. Ein Mensch ist nur dann wert, als solcher angesprochen zu werden, wenn er an den Herrgott glaubt. Wer ihn verleumdet, hat nicht das Recht, geheilt zu werden. So werden sich die Bösen von den Guten unterscheiden. Denn jene sind die Gezeichneten.“

2 Uhr früh: Langsam hat sich die Menge verlaufen. Gröning hat noch die nicht trans- portfähigen Kranken in den Autos besucht und ist dann in seine – übrigens sehr modern ausgestattete Wohnung gegangen. Zwischen einer Tasse Kaffee und ständigen Anrufen – unter anderem von dem englischen Distriktskommandanten – findet er einige Minuten Zeit, mir ein paar Fragen zu beantworten:


„Wie erklären Sie sich denn selbst Ihre Heilkunst? Haben Sie medizinische Kenntnisse?“


„Ich besitze keinerlei Vorkenntnisse als Heilkundiger, habe auch nie ein medizinisches Lehrbuch gelesen. Ich nehme keine Lehren von Menschen an und lese auch nur selten Bücher und Zeitungen. Meine Gabe ist mir von Gott anvertraut. Mein Auftrag weist mich nur an gute Menschen. Wer als Geheilter wieder böse handelt, verliert die ihm geschenkte Gesundheit nach einiger Zeit wieder.“

Weit weist er die Behauptung von sich, dass man an ihn glauben müsse. Er sei nur ein armer Mann. An Gott müsse man glauben. Die Frage, ob er irgendein heimliches Besprechungsmittel verwende, verneint er entschieden. Er erklärt, auch nicht einmal in seinen Gedanken einen Zauberspruch zu haben.

Er behauptet, auch der Fernheilung fähig zu sein. Es genüge ein Zettel, vom Kranken geschrieben, etwa mit den Worten: „Ich bitte um Heilung.“ Die Diagnose der Ärzte, Krankheitsgeschichte und Name sei nicht nötig. Er peile dann den Menschen an und wenn es ihm Gott befehle, heile er aus der Ferne.

Auf dogmatische Fragen reagiert Gröning überhaupt nicht: „Ich interessiere mich weder für Ideen noch überhaupt für die Philosophie.“

„Nehmen Sie für Ihre Tätigkeit materielle Mittel als Gegenleistung an?“

„Ich habe noch nie Geld angenommen. Falls später einmal etwas einkommen sollte, möchte ich damit Kirchen und Wohnungen bauen lassen. Vorläufig lebe ich von der Gastfreundschaft der Familie Hülsmann.“


„Was sagen Sie zu dem Verbot?“ – „Man kann mir nichts verbieten! Auch wenn man mich in eine Regentonne einschließt, werden die Leute kommen, und ich werde sie heilen.“

Schließlich verrät er mir, dass er bereits Schritte bei den Sozialministerien der britischen Zone eingeleitet hat, damit das Verbot, das auf dem Heilpraktikergesetz von 1939 basiert, aufgehoben wird.


Grönings Bruder Karl erzählt mir nachher noch von dessen Vergangenheit. Als Bruno am 30. Mai 1906 in Danzig zur Welt kam, war er über und über behaart. Der Vater, ein Maurerpolier, sagte damals halb scherzhaft: „Jetzt ist der Satan geboren.“

Die ersten drei Lebensjahre konnte Bruno überhaupt nicht sprechen. Dann entwickelte er sich normal. Sein Körperbau war sehr kräftig. Er konnte klettern wie ein Affe. Wenn Karl oder Maria, seine Schwester, einmal Zahnweh hatten, legte er nur seine Hand auf die Backe – und der Schmerz verging. Die Geschwister nannten ihn neckend häufig „den Spinner“. Im Jahre 1939, nach einem Jahr Lehrzeit als Zimmermann, wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Den Krieg machte er großenteils in Russland als Flak-Kanonier mit. Kurz vor dem Zusammenbruch geriet er in Kriegsge- fangenschaft. Während der Lagerzeit soll er bereits kranke Kameraden geheilt haben. Nach seiner Entlassung lebte er erst in Dortmund, bis ihn die Familie Hülsmann nach Herford holte.

Bruno Gröning führt keineswegs ein geregeltes Leben. Er schläft kaum, isst wenig, raucht viel und trinkt viel Kaffee und Tee. Je mehr er arbeitet, um so aufgeladener wird er. Nur wenn er spürt, dass ihm jemand nicht wohlwill, fühlt er sich irgendwie beengt. Dann bekommen seine Haare – wie ich mich selbst überzeugen konnte – plötzlich einen grauen Schimmer, und seine Locken straffen sich. Er ist ungewöhnlich stark. Oft schlägt er Krücken auf seinem bloßen Oberarm entzwei.


Die Ärzte halten mit ihrem Urteil sehr zurück. In Herford gibt prinzipiell keiner über den „Fall Gröning“ Auskunft. Nach einer kurzen Untersuchung vor etwa zwei Wochen gab eine Ärztekommission folgende Erklärung ab: „Nach dem Urteil der medizini- schen Sachverständigen überschreiten die bisherigen Erfolge des Herrn Bruno Gröning noch nicht den Rahmen der von der Wissenschaft immer mehr anerkannten seelischen Beeinflussbarkeit von Krankheiten.“

Herr Dr. M., der der nächtlichen Szene Im Hause Gröning beigewohnt hat, versucht nachher, mir eine kurze Erklärung zu geben: Der Materialismus des 19. Jahrhunderts sei auch tief in die Medizin eingedrungen. So habe die medizinische Wissenschaft vergessen, dass jede Krankheit nicht nur eine körperlich-organische Sache sei, sondern auch eine seelische Komponente habe. Gerade diese sei durch Suggestion in hohem Maße beeinflussbar. Es sei nichts Wunderbares, etwa einem Krebskranken durch Suggestion seine Schmerzen zu nehmen. Aber der Krebs wachse weiter, bis eine Operation ohne Aussicht auf Erfolg sei. Gröning müsse den Nachweis erbrin- gen, dass er nicht nur Hysteriker heilen könne, sondern auch einen organisch Kranken. Es habe in der Geschichte der neueren Zeit wiederholt Menschen gegeben, die man als „Wundermänner“ ansah.

„Ich nenne Ihnen nur die Namen Mesmer, Schäfer Ast, Zeileis, Ramon Wings. Gewiss, diese Leute waren phänomenale Erscheinungen. Auch Gröning ist ein solches Phänomen. Aber ihn deshalb ernstlich als ,Wundertätigen‘ oder gar als ,neuen Mes- sias‘ zu verehren, wäre unsinnig. Die Wissenschaft andererseits sollte sich nicht scheuen, hier auch einmal das Bekenntnis ,nescio‘ – ,ich weiß nicht‘ – abzulegen.


Denn es gilt noch viel zu erforschen. Und gerade die Beziehung zwischen Medizin und Psychologie ist noch alles andere als geklärt. Vielleicht kann uns der ,Fall Gröning‘ dabei helfen. Wir sollten ihn nicht als ,Scharlatanerie‘ abtun.“

Der Superintendent des Kirchenkreises Herford, Präses Kunst, erklärt: „Tatsache ist, dass Menschen, die mir bekannt sind, seit ihrem Besuch bei Herrn Gröning ihre alten Beschwerden los sind und ein neues Lebensgefühl haben. Bei anderen hat sich die Krankheit nach einigen Tagen oder Wochen wieder eingestellt.“

„Wie erklären Sie sich denn die Kräfte des Herrn Gröning?“

„Im Ravensburger Land sind schon öfters ,Wundertätige‘ aufgetreten. Ich habe ver- schiedenen die Kardinalsfrage gestellt: Glauben Sie, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist? Alle diese Befragten wurden darauf verlegen und konnten keine eindeutige Antwort geben. Daraus ist zu schließen, dass sie irgendwie mit Kräften des Bösen in Verbindung standen. Auch Herrn Gröning habe ich diese Frage gestellt. Er gab mir die klare Antwort: ,Ja, ich glaube, dass Christus Gottes Sohn ist.‘ Das hat mich sehr beeindruckt. Nach dem Neuen Testament ist ferner ein wesentlicher Gesichtspunkt bei den besonderen Gaben Gottes, dass sie in den Dienst der Gemeinde gestellt werden. Ich habe keinen Anlass zu zweifeln, dass das bei Herrn Gröning der Fall ist.“ Superintendent Kunst verweist dann auf eine Stelle in der Heiligen Schrift (1. Brief des hl. Paulus an die Korinther, 12. Kapitel 7. – 10. Vers), wo es heißt: „In einem jeden erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinen Nutzen. Einem wird gege- ben durch den Geist, zu reden von der Weisheit; dem anderen wird gegeben ... Wunder zu tun ...

„Wir Herforder Pastoren haben allen unseren Gemeindegliedern, die uns um Rat fragten, gesagt, wir hätten noch kein letztes Urteil. Wir haben niemandem abgeraten, zu Gröning zu gehen. Jeder solle aber vorher den Herrn angehen, dass Er ihn be- wahre vor einer Heilung durch Kräfte von unten her. Herr Gröning weiß um diesen Rat, und er hat mir versichert, dass er unsere Sorgen gut verstünde.“ Stan.

Quelle:

Süddeutsche Sonntagspost, 25.6.1949, S. 22-25